Am 11. November 2016, auf dem sogenannten „Vision Summit 2016“, haben Franz Alt und Peter Spiegel, als Werbebroschüre zu dem neu geplanten Buch „Gerechtigkeit – Zukunft für alle /Die Grundsatzerklärung“, das in 2017 erscheinen soll, eine verkürzte Diskussionsausgabe (Future for all – The Power of Social Inclusion) zur Verfügung gestellt. Ich zweifele nicht daran, dass die Absicht, die die Autoren zum Schreiben dieses Buchs (bzw. der verkürzten Diskussionsausgabe) bewegt hat, aus ihrer persönlichen Sicht eine „gute Absicht“ ist und, dass sie sich ernsthaft damit erhoffen, die Menschen zur längst fälligen Veränderung unserer Lebensweise bewegen zu können – dafür senden einige Aussagen in der Broschüre ganz klare Signale aus. Noch weniger möchte ich mit diesem Text die Aufrichtigkeit der Autoren in Abrede stellen. Allerdings halte ich persönlich einige der vorgestellten und gepriesenen „Lösungsvorschläge“ als in sich widersprüchlich und sogar zielgefährdend im Sinne der Entwicklung der Menschheit in Richtung einer „gerechteren Gesellschaft“. Aus diesem Grund und weil die Broschüre als eine „Diskussionsausgabe“ zur Verfügung gestellt wurde, werde ich im Folgenden einige der verwendeten Formulierungen, auf ihre möglichen Auswirkungen hin, kritisch-konstruktiv betrachten wollen. Damit möchte ich, aus meiner Sicht, einen Beitrag zu der eröffneten Diskussion und implizit zur Klärung der Sachlage leisten.

Im ersten Artikel der Broschüre, „Nachhaltige Gerechtigkeit“, schreibt Franz Alt:

Seite 11: „In einer gerechten Gesellschaft gibt es keine Reichen und keine Armen – zumindest keine Superreichen und keine Bettelarmen. In einer gerechten Gesellschaft müssen auf diesem reichen Planeten alle [Anm.: Hervorhebung im Originaltext] Mitglieder ihre materiellen Grundbedürfnisse befriedigen können: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Arbeit, Bildung, Sicherheit, Gesundheit in einer intakten Umwelt.

Fragen: Warum soll es „in einer gerechten Gesellschaft“, in der keine Reichen und keine Armen geben soll, doch Reiche und Arme geben dürfen, wenn sie nicht superreich bzw. bettelarm sind? Welche tatsächliche Berechtigung gibt es dafür, dass einige Menschen reicher sein dürfen als andere? Oder, mit anderen Worten, wie wird hier eine „gerechte Gesellschaft“ genau definiert?

Meine Ansicht: In einer gerechten Gesellschaft (wenn sie nicht auf der neoliberalen Ideologie „the winner takes it all“ basierend und aufgebaut sein soll – oder wie in der „Animal Farm“ wo es „gerecht“ deklariert wird, dass die einen „gleicher“ als die anderen sein dürfen) kann es prinzipiell keine Berechtigung dafür geben, dass einige Mitglieder über mehr Ressourcen verfügen als sie tatsächlich und objektiv für ihr Leben brauchen, egal was für eine soziale Abstammung oder besondere Fähigkeiten diese Mitglieder charakterisieren würden. Wenn das nicht der Fall sein soll, dann ist die verwendete Definition der „Gerechtigkeit“ nur eine subjektive Anpassung an die Bedürfnisse und Absichten einer herrschenden Klasse, die sich diesen Status durch Machtmissbrauch selbst zuweist und dadurch sich als „selbstverständlich“ berechtigt ansieht für alle anderen Mitglieder der Gesellschaft entscheiden zu dürfen.

Fragen: Wer sind die „Mitglieder der Gesellschaft“, die ihre „Grundbedürfnisse“ befriedigt haben müssen? Werden hier nur die Menschen betrachtet? Und wenn ja, wie es offensichtlich zu sein scheint, warum? Was ist mit allen anderen Spezies auf diesem „reichen Planeten“ – sind sie nur da, um von Menschen ausgebeutet und ausgerottet zu werden? Wie kann das mit dem Titel „Nachhaltige Gerechtigkeit“ im Einklang sein?

Meine Ansicht: Eine nachhaltige Gerechtigkeit auf dem Planeten Erde kann m. E. nicht existieren, wenn nicht alle Wesen dieses Planeten daran teilhaben dürfen und somit als gleichwertig begriffen und respektiert werden. Alle Wesen, die auf der Erde leben, tragen implizit dazu bei, zum Teil unter Verlust ihres Lebens, dass wir Menschen unsere egoistischen Bedürfnisse befriedigt bekommen. Wir Menschen dagegen verhalten uns arrogant und destruktiv gegenüber unserer Umwelt. Wie soll, im Umkehrschluss, diese Umwelt intakt bleiben und uns Sicherheit und Gesundheit geben, wenn wir nicht mal bereit sind ihr das Recht zum Leben anzuerkennen?

Seite 12: „Die Ungleichheit bei Einkommen, Vermögen und Bildungschancen wird immer größer. Herkunft und  Erbe sind weit wichtiger als Leistung

(Anm.: Die Aussage an sich wird von Franz Alt zu Recht im Kontext kritisiert, jedoch nach meinem Empfinden nicht ausreichend.)

Fragen: Dass, wenn es eine Chancengleichheit überhaupt geben soll, Herkunft und Erbe gar keine Wichtigkeit besitzen dürfen, ist mittlerweile, für alle die sich für eine Veränderung einsetzen, eine Binsenweisheit – aber, auf der anderen Seite, wie wichtig soll die „Leistung“ in einer gerechten Gesellschaft sein? Wie wird die „Leistung“ definiert und was soll mit den Menschen passieren, die dieser einseitigen Definition nicht entsprechen können oder gar wollen? Sollen sie per se zum Arm-Sein und dadurch zu Menschen 2. Klasse verurteilt werden?

Meine Ansicht: In einer tatsächlich gerechten Gesellschaft darf „Leistung“, so wie sie aktuell im marktwirtschaftlichen Kapitalismus definiert wird, definitiv keine Rolle mehr spielen. Jeder Mensch hat seine einzigartigen Fähigkeiten, die mit den Fähigkeiten eines anderen Menschen weder direkt verglichen werden können, noch dürfen. Die meisten dieser Fähigkeiten haben allerdings mit „Leistung“, wie im aktuellen marktwirtschaftlichen Sinne definiert, nichts oder sehr wenig zu tun – bedenken wir, als einfachstes Beispiel, nur die unbezahlbare Zuwendungen die Kinder und Alte benötigen, die bestimmt nicht unter dem Begriff „Leistung“ kategorisiert werden dürfen. Diese Fähigkeiten können der Gemeinschaft nur dann entsprechend Nutzen bringen, wenn sie grundsätzlich anerkannt, wertgeschätzt und gefördert werden.

Seite 12-13: „Deshalb fragen wir in dieser ‚Grundsatzerklärung‘: Wie können wir eine Wirtschaft organisieren, […], die nicht unseren Lebensgrundlagen zerstört, sondern die alle bereichert?

Fragen: Wer ist hier alle – mal wieder nur die Menschen? Und was bedeutet wenn alle bereichert werden? Wie wird dieser Reichtum definiert, auf wessen Kosten und mit welchen Auswirkung wird er generiert und wo sind seine Grenzen? Der Formulierung ist leider wieder nur der Mensch als begünstigter allen Reichtums zu entnehmen, zum Nachteil allem anderen Leben auf diesem Planeten.

Meine Ansicht: Die Lebensgrundlagen an sich repräsentieren nach meinem Empfinden unseren ganzen Planeten, mit allen Wesen die darauf leben. Ein Leben aller Wesen im natürlichen Gleichgewicht wäre demnach die höchste Bereicherung, die auch tatsächlich allen Wesen zu Gute kommen könnte. In einer gerechten Gesellschaft darf daher die Wirtschaftsweise des Menschen nicht die Bereicherung der Menschen als Ziel haben, sondern sollte NUR der Abdeckung des tatsächlichen Bedarfs des Menschen-Lebens im Einklang mit der Natur dienen.

Seite 15: „Gerechtigkeit heißt, dass jeder Mensch zu seinem Recht kommen soll. Biologen haben festgestellt, dass dieses Grundgesetz auch unter vielen Tierarten gibt […]

Fragen: Warum soll nur „[je]der Mensch zu seinem Recht kommen“? Was ist mit den Rechten aller anderen Wesen auf der Erde? Sollen sie nicht zu ihrem Recht kommen können? Nicht mal jetzt, wenn wir über eine gerechtere Gesellschaft sinnieren, können wir anerkennen, dass der Mensch zwar ein wundersames Wesen ist, jedoch lange nicht die Krönung der Schöpfung?

Meine Ansicht:  Alle anderen Wesensarten, die wir Menschen, in unserer unermesslichen Arroganz, als uns unterordnet ansehen, leben die ganze Zeit im Einklang miteinander und bilden, mit uns Menschen gemeinsam, den großen Organismus unseres Planeten. Nur die Menschen maßen sich an, sich selbst als die Krönung der Schöpfung zu bezeichnen und alle andere Wesen des Planeten nach Gutdünken auszunutzen und rücksichtslos zu zerstören. Dabei sind alle andere Wesen des Planeten für das Überleben der Spezies Mensch unabdingbar. Wie soll eine gerechtere Gesellschaft aussehen, wenn wir nicht mal im Stande sind diesen lebenswichtigen Aspekt sprachlich zu erfassen?

Seite 23: „– schließlich ein globaler Mindestlohn von einem Dollar pro Stunde in den armen Ländern.

Seite 25: „Konkret und praktisch: Die Ein-Dollar-Revolution als globaler Mindestlohn gegen Ausbeutung und Armut, […]

Fragen: Warum ein „globaler Mindestlohn“ für die „armen Ländern“ und nicht eine globale Lohngleichheit für alle Menschen? Was ist die Berechtigung in einer „gerechten Gesellschaft“, dass die Menschen „in den armen Ländern“ weniger für ihre Arbeit bekommen sollen, als die Menschen in den „reichen Ländern“? Sind die armen Länder nicht deswegen arm, weil die reichen Länder auf deren Kosten reich geworden sind? Warum soll es überhaupt arme Länder geben dürfen, in einer „gerechten Gesellschaft“? Wer und wie entscheidet welche Länder arm und welche reich sein dürfen?

Fragen: Warum auf Seite 25, im gleichen Absatz, nach der inspirierenden Aufforderung „Macht Euch der Erde untertan“, dann die Dystopie vorstellen, dass ein Mindestlohn „gegen“ Ausbeutung und Armut wäre? Wie kann sich der Mensch der Erde untertan machen, d.h. sie respektieren und achten und im Einklang mit ihr leben, wenn er es für „richtig“ empfindet, dass er selbst, der Mensch, sein Leben „verdienen“ muss?

Meine Ansicht:  Solche Aussagen sind nach meinem Empfinden die reine Verhöhnung des Begriffs „Gerechtigkeit“ und zeigen ganz klar wie fragile unser sogenannten „Rechtsempfinden“ ist bzw. wie systemblind auch die eifrigsten Aktivisten sein können. Ich persönlich sehe keine Zukunft in einem globalen Mindestlohn, denn die Idee des Lohns an sich gerade die Ursache des ganzen Übels ist. Bedenken wir den heutigen Status quo: Der Mensch darf nicht leben, wenn sein Lohn nicht fürs Leben ausreicht. Menschen entscheiden über das Leben anderer Menschen in dem sie mit Lohnvorgaben nach den neoliberalen Prinzipien der kapitalistischen Markwirtschaft ihr „Recht“ auf Profit und Gewinnmaximierung erzwingen. Ein Mindestlohn bedeutet diesen Missbrauch weiterhin zu legitimieren: Es ist nach dieser Definition rechtens, als Bedingung für das Leben, einen „Arbeitsplatz“ zu brauchen. Ein globaler Mindestlohn kann keine Lösung sein, denn er unterstützt gerade die Ursache dieser Ungerechtigkeit, die m. E. beseitigt werden soll. Die Lösung ist, aus meiner Sicht, dass Menschen überhaupt keinen Lohn mehr brauchen sollen, um Leben zu dürfen und zu können. Das kann jedoch in keine, wie auch immer gearteten Marktwirtschaft erreicht werden, da diese immer Gewinner und Verlierer vorsieht und darauf aufbaut – dafür ist eine andere Art des Wirtschaftens notwendig, die auf Solidarität und Kooperation basiert und auf Gleichwertigkeit und Respekt gegenüber allem was ist. Ein mögliches Beispiel dafür wäre die Bedarfswirtschaft.

Seite 25: „- Banken für Arme mit Minikrediten, wie es Muhamad Yunus in Bangladesch als Pionier beispielhaft vorgemacht hat.“

Und dazu weiter, im zweiten Artikel der Broschüre, „Menschliche Gerechtigkeit“, schreibt Peter Spiegel:

Seite 52: „Mit seiner sozialen Innovation von Genossenschaftsbanken für die Ärmsten, die ausschließlich Kredite an die Ärmsten geben, schuf Muhammad Yunus mit seinem Grameen-Team nicht nur rund einer Milliarde Menschen den Zugang zu ‚Menschenrecht auf Kredite‘, der ihnen zuvor verwehrt war.

Fragen: Warum „Minikrediten“? Warum muss sich der Mensch unbedingt als „Unternehmer“ in einer Marktwirtschaft verdingen? Warum ist es noch nicht klar, dass es dem Wachstum der Wirtschaft, der unsere Lebensgrundlage vernichtet, keinen Einhalt geboten werden kann indem noch mehr „Unternehmen“, die implizit und unbedingt etwas produzieren und verkaufen müssen um zu überleben, ins Leben gerufen werden?

Fragen: Und wieder „Banken für Arme“ – bei allem Respekt für Muhamad Yunus als menschliches Wesen, warum darf es bitte „arme Menschen“ geben? Warum nichts dafür tun, dass es überhaupt nicht mehr dazu kommen kann, dass es arme Menschen gibt? Warum stattdessen die Ursache der Armut durch die Zwangsverschuldung in einem bereits ungerechten System verstärken?

Fragen: Und – für mich die höchste Unverschämtheit gegenüber allen Menschen – was soll bitte das „Menschenrecht auf Kredite“ sein? Das Recht mich anonym für ein etwaiges Profitgeschäft zu verschulden und Zinsen zu zahlen, statt mit meinen Nachbarn solidarisch für die Abdeckung unseres tatsächlichen Bedarfs zu kooperieren? Das Recht Dinge und Leistungen auf Pump zu kaufen und zu konsumieren, die ich sehr wahrscheinlich nicht brauchen würde, wäre ich frei so zu leben wie ich gerne möchte?

Meine Ansicht:  Hier wird im klassisch kapitalistischen Stil mit der Illusion des Reichwerdens für Jedermann gespielt und somit das ausbeuterische System der kapitalistischen Marktwirtschaft verstärkt. Die wahre Geschichte in einigen Worte ist allerdings: Viele Menschen, die bis vor kurzer Zeit auf dem Land ihrer Ahnen aus ihrer glücklichen Subsistenzwirtschaft leben konnten, wurden von „Investoren“ sowie multinationalen Konzernen mit Hilfe des Staates im Namen der „Zivilisation“ enteignet oder vertrieben und dadurch gezwungen sich die benötigte Nahrung mit Geld zu kaufen – so wurden sie plötzlich zu Arbeitslosen und Armen, wo sie vorher keine Ahnung hatten, dass sie einen Arbeitsplatz oder Geld brauchen könnten. Bedenken wir die abstrusen Nachrichten, dass Menschen in Nepal, die Jahrtausende in den Hochebenen zwar sehr rustikal, jedoch glücklich gelebt haben, plötzlich nichts mehr zu essen haben, weil sie kein Geld haben und auch keinen Arbeitsplatz finden! Darüber, dass die fruchtbaren Tälern und Hochebenen, in den diese Menschen solange leben, durch die Klimaveränderung, die von dem maßlosen Raubbau an der Natur verursacht wurde, unfruchtbar wurden, oder dass diese Menschen von ihren Wasserquellen abgeschnitten wurden, sagen die Nachrichten nichts. Nur über die „Arbeitslosigkeit“ von Menschen wird berichtet – von Menschen, die vorher keinen „Arbeitsplatz“ gebraucht haben.

Für die kapitalistische Marktwirtschaft ist diese die ganz normale Vorgehensweise sich neue Ressourcen und neue Arbeitskräfte einzuverleiben und neue Märkte zu erschließen.

Selbstverständlich können Menschen, die kein Geld haben, auch nicht kaufen und konsumieren und somit nicht an der hochgelobten Marktwirtschaft teilnehmen. Dass sie nichts mehr haben und ihnen stets eingeredet wird, dass Reichwerden etwas ist was, eine „gute Geschäftsidee“ und das Anfangskapital vorausgesetzt, jedem Menschen gelingen könnte, träumen die verarmten Arbeitslosen der Welt fortan von der „Chance“ auch mal „aus sich etwas zu machen“. Kein Wunder, dass sich dann, in diesem Zusammenhang als Variante für die „Armen“, auch die Idee des „sozialen Unternehmertums“ entwickelt: Wie tue ich „gutes“ und werde auch „reich“ dabei – denn „Reichwerden“ ist nach wie vor das Ziel eines jeden Unternehmens in der kapitalistischen Marktwirtschaft. Die Leitparole ist: Reichsein ist nichts Schlimmes – Jeder, der sich entsprechend anstrengt, kann reich werden, oder es mindestens zu einem Leben in Wohlstand bringen. Notwendig ist allerdings ein Startkapital von einer Bank, die sich auf sehr arme Kunden spezialisiert und damit ein Welterfolg erlangt hat. Was kann denn erfüllender sein, als den ärmsten die „Chance auf Wohlstand“ zu ermöglichen – „tue Gutes und verdiene gut dabei“ ist eine faszinierende Rechtfertigung für die Fortsetzung einer dem Leben an sich schädigenden Wirtschaftsweise.

Gegen den Teil „tue Gutes“ gibt es nichts zu sagen. Was für mich nicht stimmt ist es warum es dies nur mit einem „Geschäft“ passieren darf, bei dem „der, der Gutes tut“ entsprechend „verdienen“ kann – warum nicht bedingungslos, geldlos? Warum nicht in lokaler solidarischer Kooperation, bei der niemand etwas „verdient“, jedoch sich alle ein Leben im Einklang miteinander und mit der Natur verschaffen können?

Warum braucht ein Mensch ein „Recht auf [Geld-]Kredit“ um überhaupt überleben zu dürfen? Und woher kommt eigentlich das Geld, was den armen Menschen als Kredit angeboten wird? Vielleicht auch aus deren vorherige Enteignung und Vertreibung? Oder aus den Geschäften anderer Menschen, die damit ein Profit erzielt haben und jetzt das Geld für sich „arbeiten“ lassen? Oder aus „philanthropischen Spenden“ der multinationalen Konzerne, die gerade diese Menschen in die Armut getrieben haben und sich ein „gutes Gewissen“ absichern wollen? Wie ist dann das „tue Gutes“ zu verstehen? Wer tut wem tatsächlich was Gutes? Und wer zahlt tatsächlich den Preis dafür?

Warum nicht den Menschen, die unter der Einwirkung der globalen Markwirtschaft ihrer Lebensgrundlagen beraubt worden sind und in die Armut getrieben wurden, die Möglichkeit geben für sich ein gesundes Leben aufzubauen und die benötigte Mittel dafür ihnen einfach ZURÜCKGEBEN? Und dazu noch die Hilfe, die eventuell benötigt wird? Und das bedingungslos, nur weil sie lebende Wesen sind, die ein Geburtsrecht zu LEBEN haben?

Was und wer spricht tatsächlich dagegen bzw. wer „verdient“ dabei, wenn diese Option als „nicht möglich“ abgetan wird?

 

Was bei dem Konzept der Mikrokredite offensichtlich nicht bedacht wurde ist, nach meiner Ansicht, dass die Armut und die Hoffnungslosigkeit der Menschen, den jetzt mit Kredite „geholfen“ werden soll, eine Folge von Geschäften anderer Menschen ist und, dass auch die neuen, kleinen „Unternehmer“ sich auf das Profiterzielen konzentrieren müssen, wenn ihr Unternehmen überleben soll. Damit neue Unternehmer überleben können, müssen implizit andere „arme Menschen“ darunter leiden, denn sie müssen sich diesen unterordnen und somit unfrei leben– das wird allzu oft „vergessen“, wenn die „Kreditwürdigkeit“ der Menschen als „Allheilmittel“ gepriesen wird. Es wird vergessen, dass in der Marktwirtschaft, sei sie auch als „ethisch“ oder „sozial“ definiert, niemals alle Menschen die gleiche Chancen haben können, denn der „Markt“, im aktuellen Sinne, allein aus dem Wettbewerb und dem damit erzeugten Leistungsdruck lebt. Die Konsequenzen kennen wir bereits.

Die Gründe, warum nicht alle Menschen so eine „Kredit-Chance“ bekommen können, können vielfältig sein. Die einfachste Beispiele: Z. B. finden sie keine passable Geschäftsidee mehr, weil der „Markt“ bereits gesättigt ist, d.h. alles was produziert und verkauft werden könnte, bereits von anderen in der unmittelbaren Gemeinschaft produziert und verkauft wird, oder sie haben schlichtweg die Fähigkeiten nicht, die benötigt werden um etwas mit Gewinn zu produzieren, zu vermarkten und zu verkaufen. Alle diese Menschen sind dann gezwungen unfreiwillig für andere zu arbeiten, wenn sie überleben wollen, da ihre Fähigkeiten auf dem Markt keinen Verkaufs-Wert haben. Sind diese Menschen dann Menschen 2. Klasse? Bestimmt nicht! Was hier überholt ist, ist die Art zu wirtschaften, die es nicht zulässt, dass das ganze menschliche Potential aller Menschen sich entfalten kann. Die Marktwirtschaft kann hier allerdings nicht helfen, denn sie ist nämlich die Ursache des Problems.

Ich erhoffe mir, dass das alles von den beiden Autoren nur übersehen wurde. Denn, wenn es, im Sinne des kapitalistischen Marktwirtschaftssystems, einfach im Kauf genommen wurde, dass es nach wie vor in einer „gerechten Gesellschaft“ trotzdem Verlierer geben darf, dann wäre es für uns alle sehr traurig. Es beunruhigt mich zutiefst, dass es, auf der eine Seite, davor gewarnt wird, dass die Grenzen des Wachstums schon erreicht wurden und dass eine grundlegende Veränderung notwendig sei, auf der anderen Seite, jedoch, weiterhin die Marktwirtschaft als Lösung angeboten wird.

Das Problem unserer Zeit ist nach meinem Empfinden nicht, dass nicht alle Menschen „Kreditwürdig“ sind bzw. dass sie das „Menschenrecht auf Kredit“ für sich nicht in Anspruch nehmen könnten, sondern dass die Menschen überhaupt „Kreditwürdig“ sein müssen, ja, dass sie gezwungen werden Kredite aufzunehmen, um überleben zu können, und dass diese „Alternative“ auch als ihre einzige Überlebenschance dargestellt wird.

Es ist mir bewusst, dass so eine Veränderung, wie sie mir im Sinn schwebt, nicht von heute auf sofort auf dem ganzen Planeten Erde implementiert werden kann und, dass es notwendige Zwischenschritten geben muss, um uns überhaupt von der aktuellen, unheilsamen Stelle bewegen zu können. Ein globaler Mindestlohn und sogar die Mikrokredite für die ärmsten unter uns wären, aus diesem Blickwinkel vorsichtig betrachtet, vielleicht die jetzt schnellst möglichen Hilfe-Ansätze. Sie sind jedoch, nach meinem Empfinden, definitiv nicht als Lösung anzusehen. Ein globaler Mindestlohn und die Mikrokredite müssen klaren Geistes als genau das was sie sind betrachtet werden: geprobte Werkzeuge eines alten, ungesunden Wirtschaftssystems, das es zu ändern gilt, wenn es eine Entwicklung und ein Überleben der menschlichen Spezies geben soll.

Das gleiche gilt auch für das Konzept des „sozialen Unternehmertums“, solange dieses auf die aktuelle Definition des Unternehmertums basiert: Unternehmer ist der, der ein Wirtschaftsunternehmen gründet und führt, dessen Ziel die Gewinnmaximierung um jedem Preis und explizit das Erzielen von Profit ist. Deswegen auch die Notwendigkeit des Präfixes „sozial“, der die Gewinnmaximierung und Profitorientierung in der Definition relativieren soll. Es mag sein, dass z. B. die Grameen-Bank, oder andere soziale Unternehmen, nicht die Gewinnmaximierung und den Profit im Vordergrund stellen. Jedoch, als marktwirtschaftliche Unternehmen, müssen auch die sozialen Unternehmen trotzdem Profit generieren, wenn sie auf dem kapitalistischen Markt überleben wollen. Ein wahres soziales Unternehmen würde keinen Gewinn bzw. Profit benötigen, denn es würde sich aus der Gemeinschaft für die Abdeckung des Eigenbedarfs begründen und versorgen. Auch gut gemeinte Absichten können nicht wirklich etwas bewirken, wenn sie sich immer noch in einem alten Denken begründen – es ist eine andere Art zu denken und zu wirtschaften notwendig, wenn die Gesellschaft gerechter sein soll, und zwar überall auf dem Planeten. Eine Möglichkeit wäre z. B. die Bedarfswirtschaft.